AfD-Demonstration in Hannover
Am 24.8.2019 fand in Hannover eine Demonstration der Alternative für Deutschland unter dem Motto: „Es reicht!“ statt.
Vorbereitet und durchgeführt wurde die Veranstaltung von einem Organisationsteam um Dietmar Friedhoff. Friedhoff ist Bundestagsabgeordneter der AfD und (Mit-)Begründer des „Pegasus Germanus“, wie sich die Flügelanhänger*innen in Niedersachsen bezeichnen.
Startpunkt der Demonstration war der Platz der Göttinger Sieben nahe dem niedersächsischen Landtagsgebäude. Hier fand zur gleichen Zeit ein „Tag der offenen Tür“ statt. Im Ausstellungsraum der AfD-Fraktion verteilte die Ex-HDJlerin und aktive IB-Aktivistin Hildburg Meyer-Sande Häppchen und kleine Präsente, ….
während sich draußen die ersten Demoteilnehmer*innen einfanden.
Die Werbung für die Demonstration erfolgte hauptsächlich über die sozialen Medien.
und begann erst etwa 2 Wochen vor der Veranstaltung selbst.
sowie etliche persönliche Stellungnahmen von AfD-Mitgliedern zur Demoteilnahme, …
dass bis auf eine kurze Sequenz im Haupttrailer …
hauptsächlich Personen aus Kreisverbänden zu Wort kamen, …
So gab es Beiträge aus Hannover-Land, Nienburg, Diepholz, Weserbergland, Hannover-Stadt, Braunschweig und Peine.
Hinter der Polizeiabsperrung versammelten sich zahlreiche Gegendemonstrant*innen, die ihren Protest gegen die AfD-Veranstaltung lautstark vortrugen.
Immer wieder versuchten die Demonstrationteilnehmer*innen durch eigenes Skandieren den Protest zu übertönen.
und konnten nur mit Mühe von der Polizei dran gehindert werden.
Die Wirmer-Flagge auf diesem Foto ist eigentlich Symbol der deutschen Widerstandsbewegung um den 20.Juli 1944. 1999 proklamierte der Rechtsextremist Reinhold Oberlercher, der Vordenker des „Deutschen Kollegs“, die Flagge als Symbol für das von Rechtsextremisten erstrebten 4. Reich. Seit 2014 ist die Flagge verstärkt auf Pegida-Demonstrationen zu sehen.
Christoph Merkel vom AfD-KV Leer mit einem Arcadi-Magazin in der Tasche. Arcadi wird vom Sprecher des AfD-KV Leverkusen Yannick Noé als rechtes Livestyle-Magazin herausgegeben, das sich als publizistisches Projekt für unerfahrene „junge Menschen“ sieht. Die Erstausgabe erschien im Oktober 2017 „mit Freundlicher Unterstützung von Einprozent.de“ (Fehler im Original). Den zahlreichen Autoren der rechten, vor allem identitären Szene, unter anderem Chris Zloch alias Chris Ares und Mario Müller (Kontrakultur) wird Raum geboten.
Das Titelbild der Erstausgabe zierte die Neurechte Brittany Pettibone, die inzwischen mit dem Chef der IB Österreich, Martin Sellner verheiratet ist. Zahlreiche Inserenten aus der Neuen Rechten, wie Dubravko Mandic, unterstützen das Magazin mit ihren Anzeigen. Vor allem aber bleibt zu bemerken, wie wenig Berührungsängste zwischen AfD und der Identitären Bewegung bestehen.
Auch Gerd und Anna-Maria Ulrich aus Detmold hatte es nach Hannover gezogen. Beide waren in der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) aktiv und führten dort Zeltlager und Schulungen für Kinder und Jugendliche durch.
Die Ulrichs treten nur selten in der Öffentlichkeit auf. Zuletzt nahmen sie mit einigen ihrer Kinder an zwei Solidaritätsdemonstrationen für die inhaftierte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck in Bielefeld teil.
Ebenfalls angereist war Andreas Iloff, Kreisvorsitzender der AfD Diepholz. Iloff veranstaltete im vergangenen Jahr gemeinsam mit Dietmar Friedhoff zwei größere Veranstaltungen des „Pegasus Germanus“: ein Oktoberfest in Isernhagen sowie eine Weihnachtsfeier in Bassum. Bei letzterer traten als Redner die auch in der AfD selbst umstrittenen Parteimitglieder Dennis Augustin und Dubravko Mandic auf.
Andreas Tute aus Hildesheim (mit grünem T-shirt) war vor seinem Eintritt in die AfD Mitglied der rechtsextremen Partei „Pro Deutschland“ , nahm 2015 an Hagidaveranstaltungen in Hannover sowie an einer Mahnwache der Partei „Die Rechte“ teil.
Paul Sass (im weißen Hemd) war bis vor kurzem aktives Mitglied der Identitären Bewegung in Niedersachsen und scheint jetzt im Kreisverband Northeim der AfD ein neues Zuhause gefunden zun haben.
Henrik Stöckl , rechter You-Tuber ( hier im Gespräch mit Jaroslaw Poljak aus Delmenhorst), war während der gesamten Veranstaltung mit Kamera und Mikrofon dabei. Nach Schluss der Veranstaltung kam es zu einem Zwischenfall mit einer Gegendemonstrantin, die Stöckl bei laufender Kamera dermaßen rassistisch beschimpfte, dass gegen ihn jetzt wegen Volksverhetzung ermittelt wird.
Sehr bemüht um die Sicherheit zeigte sich Marc Aubel. Eigentlich wurde die Security von Oliver Westpfahl (Kreisverband Peine) organisiert, der seine Mitarbeiter*innen mit Anzügen auftreten ließ (siehe Bild1).
Marc Aubel, der in der Vergangenheit auch schon an NPD-Kundgebungen in Hannover teilgenommen hat. ließ es sich dagegen nicht nehmen in eigenem Style mit Handschuhen aufzutreten.
Die Ordner*innen rekrutierten sich aus den einzelnen Kreisverbänden wie hier rechts Gerhard Vierfuß aus Oldenburg.
Vierfuß, der ehemalige Sprecher des AfD-Kreisverbandes Stadt Oldenburg / Ammerland, tritt neben seinen Aktivitäten bei der Oldenburger AfD auch als Vorsitzender des nationalistischen „Oldenburger Kreis“ sowie als Rechtsanwalt auf. Als Anwalt vertrat er unter anderem erfolglos die Identitäre Bewegung gegen das Innenministerium und das Bundesamt für Verfassungsschutz.
Es handelte sich bei den Ordner*innen in der Hauptsache …
Auch der frühere Vorsitzende der „Jungen Alternative“ Niedersachsen Sören Hauptstein (links) wirkte als Ordner mit. Nach seiner Abwahl als Landesvorsitzender wechselte Hauptstein wie viele der damaligen JA-Mitglieder in die Mutterpartei.
Um 17 Uhr eröffnete Kathrin Baake aus Oythen als Versammlungsleiterin die Veranstaltung. Nach der Einleitung „Heute ist der Tag, an dem wir dafür sorgen, dass es in Zukunft anders wird“ verlas sie die Auflagen und führte anschließend durchs Programm.
Delia Klages, Vorsitzende des Kreisverbandes Weserbergland, bezeichnete sich als Ideengeberin für die Veranstaltung. Sie kann – wie die meisten der folgenden Redner- dem Pegasus zugerechnet werden. Und genau wie die folgenden Redner versuchte sie die Stimmung aufzuheizen und durch Verallgemeinerung und alternative Fakten gegen Flüchtlinge zu hetzen.
Wie schon in den Werbevideos spielte die Landesvorsitzende Dana Guth auch bei der Veranstaltung nur eine untergeordnete Rolle. Zwar durfte sie bei der Auftaktkundgebung reden und auch am Fronttransparent gehen, trotzdem war deutlich zu merken, dass auf dieser Veranstaltung andere das Zepter in der Hand hielten. Auch wenn sie versuchte in ihre Rede radikalere Töne einfließen zu lassen, blieb der Applaus eher verhalten.
Da gelang es Christopher Emden vom Kreisverband Verden trotz seiner Sprachprobleme schon eher dem Publikum einzuheizen. Emden, von Beruf Richter und Mitglied des Landesschiedsgerichts der AfD Niedersachsen, sprach von „einer Regierung, die seit mehreren Jahren konsequent gegen Recht und Gesetz verstößt“ und von Menschen, die „mit der Einstellung zu uns kommen, sich nicht an das Gesetz halten zu wollen“. Sätze , die man so sicher auch in Dresden hört.
Jens Kestner, Bundestagsabgeordneter der AfD aus Northeim, schrie seine Rede geradezu ins Mikrophon. Er beschwor in seinem Redebeitrag zahlreiche Endzeitenszenarien, bezeichnete Flüchtlingen pauschal als „Verbrecher , Terroristen, Mörder, Vergewaltiger“ und sprach vom „Entarten der Gesellschaft durch Einwanderung“ sowie vom „Entarten der Zivilgesellschaft“ durch den Gegenprotest.
Auf der Schlusskundgebung sprach als Erstes Joachim Wundrak aus Steinhude. Wundrak, ein ehemaliger Luftwaffengeneral, ist der AfD-Kandidat für die anstehenden Oberbürgermeisterwahlen in Hannover. Mit der Bezeichnung „gewaltaffine Kulturen Afrikas“ und völlig aus der Luft gegriffenen Zahlen zur angeblichen Steigerung der Ausländerkriminalität – in manchen Bereichen 800% - stellte er sich zwar als Scharfmacher dar, aber nicht als denkbarer Oberbürgermeister der niedersächsischen Landeshauptstadt.
Die Abschlussrede hielt Dietmar Friedhoff. Friedhoff, der schon in den Werbevideos als „Mann der großen Gesten“ aufgefallen war, zeigte sich auch hier als jemand, dem es gelingt Menschen aufzuputschen. In seiner Rede rief er unter anderem (vom Publikum lauthals unterstützt): „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ Ein Spruch, den man sonst eher Demonsrationen von NPD oder Die Rechte hört. Er beendete seine Rede dann dazu passend mit den Worten: „Holen wir uns diese, die deutsche Straße zurück!“
Propagandisten des eher rechten Lagers in der AfD Niedersachsen reisen im Gegensatz zur eher inaktiven „Alternativen Mitte“ um Dana Guth momentan verstärkt durch die niedersächsischen Kreisverbände . So zum Beispiel Jens Kestner …
und Paul Hampel mit ihrem gemeinsamen Vortrag zur Außen- und Sicherheitspolitik oder Dietmar Friedhoff , der über Umweltzerstörung (statt Klimawandel) referiert. Neben ihrer Präsenz vor Ort können sie dort auch die Stimmung unter den Mitgliedern ausloten.
Auf dieser Fahne wird unter dem Deckmantel für die Freiheit für Julian Assange auch Freiheit für Tommy Robinson gefordert. Robinson, der vielfach vorbestrafte Gründer und langjähriger Vorsitzender der rechtsextremen, islamfeindlichen English Defense League (EDL) wurde 2019 zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Er hatte in einem Gerichtsverfahren den jugendlichen Angeklagten gefilmt und dies als Livestream auf Facebook veröffentlicht.
Auch andere eher merkwürdige Fahnen wurden in der Demonstration gezeigt …
Der Demonstrationszug mit etwa 500 Teilnehmer*innen zog vom Landtag aus durch die Altstadt zum Steintor.
Unter den Teilnehmerinnen befand sich auch Doris von Sayn-Wittgenstein, Landesvorsitzende der AfD Schleswig-Holstein. Sayn-Wittgenstein wurde vom Bundesverband der AfD wegen Unterstützung rechter Gruppierungen als Mitglied ausgeschlossen. Ebenso wurde sie aus der Landtagsfraktion ausgeschlossen. Dennoch wählten sie die AfDlerinnen in Schleswig-Holstein erneut zur Landesvorsitzenden.
Der 70-jährige russlanddeutsche Lehrer Viktor Kasper aus Hannover (vorn im Bild) hatte viele Jahre Kontakt zur NPD. Kasper wurde als Schärpen- und Fahnenträger bekannt, weil er zu jedem Anlass eine schwarz-rot-goldene Schärpe oder Fahne schwenkte. Er war der erste bekannte Fall, in dem die neu gegründete AfD ein Parteiauschlussverfahren wegen der Nähe zum Rechtsextremismus anstrebte.
Dr. Klaus Eikemeyer, der hier links am Transparent des Kreisverbands Weserbergland zu sehen ist, war auf mehreren NPD-Parteitagen als Delegierter anwesend und besuchte mehrfach den sogenannten „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf.
Während der Demonstration waren von den Teilnehmer*innen …
… immer wieder Rufe wie „Merkel muss weg!“ und …
… „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ zu hören.
Von der Bremer AfD waren gleich mehrere Vertreter anwesend: hier in der Bildmitte mit schwarzem T-Shirt Frank Magnitz, der amtierende Landesvorsitzende. Magnitz, der luft- und raumfahrtpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion ist, steht stark in der Kritik, da er unter anderem neben seinem Bundestagsmandat auch noch einen Sitz in der Bremer Bürgerschaft wahrnimmt.
Ebenfalls vor Ort war sein direkter Konkurrent bei der anstehenden Neuwahl des Bremer Landesvorsitzes Thomas Jürgewitz (Bildmitte) aus Bremerhaven. Zwischen Magnitz und Jürgewitz ist ein erbitterter Zweikampf um diesen Posten entbrannt.
Bei dem dritten anwesenden Bremer handelt es sich um Alexander Tassis. Tassis war 2015 in die Bremer Bürgerschaft gewählt worden und vertrat nach dem Rücktritt seiner 3 ebenfalls gewählten Parteikollegen bis 2019 dort die AfD. Zur Bürgerschaftswahl 2019 wurde Tassis, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, nicht wieder aufgestellt.
Mirco Danner (hinten in Rockerkluft) sitzt für die AfD im Wilhelmshavener Stadtrat und hat dort den verstorbenen AfD-Abgeordneten Klinke-Mibert ersetzt. Danner war außerdem Teil der Initiativgruppe Wilhelmshaven-Friesland, deren Mitglieder unter anderem bei einem Übergriff auf eine Seebrückendemonstration in Berlin beteiligt waren.
Andreas Iloff, Vorsitzender des Kreisverbandes Diepholz, gründete 1996 mit Gleichgesinnten den „Freundeskreis Deutschland“, einen heute noch existierenden Verein. Im Verfassungsschutzbericht 2000 steht dazu folgendes: „Von der Konzeption her sind der Freundeskreis Deutschland und das Gemeinschaftswerk Auehof darauf ausgerichtet, rechtsextremistisches Gedankengut, scheinbar unverdächtig, nicht im politischen sondern im kulturellen Bereich zu verbreiten. Dies erklärt die Kontakte der beiden auf dem Auehof tätigen Organisationen über Funktionäre, Mitglieder und Förderer zur NPD, zur DVU, zu den REP und anderen rechtsextremistischen Zusammenschlüssen.“
Zitieren
Recherche Nord: AfD-Demonstration in Hannover, Hannover, 24.08.2019.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2019-08-24/