Volksfront von Rechts - Compact Sommerfest in Stößen
Vertreter:innen verschiedener extrem rechter Organisationen versammelten sich anlässlich des diesjährigen Compact-Sommerfestes am 26.08.22 im sachsen-anhaltinischen Stößen.
Teilnehmende von NPD, AfD, Freie Sachsen, Identitärer Bewegung (IB), diverser rechtsextremer Splitterparteien und der verschwörungsideologischen Szene gaben sich dort unter der Schirmherrschaft des Compact-Magazins die Klinke in die Hand.
Die Veranstaltung fand auf einem ehemaligen Rittergut in der tausend Seelen Gemeinde Stößen im Burgenlandkreis statt. Besitzer des Anwesens ist André Poggenburg (Bild: weißes Hemd), der bis zu seinem Rücktritt Fraktionsvorsitzender der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt war.
Zuletzt trat Poggenburg als Vorsitzender der Partei " Aufbruch deutscher Patrioten - Mitteldeutschland " (ADPM) in Erscheinung - mit eher mäßigem Erfolg.
Das “Compact - Magazin für Souveränität” ist eine extrem rechte Monatszeitschrift welche sich u.a. als Sprachrohr von AfD und Pegida inszeniert und verschwörungsideologische, geschichtsrevisionistische und antisemitische Inhalte verbreitet.
Das Magazin wird von Jürgen Elsässer als Chefredakteur geleitet. Elsässer, ehemaliger Autor linker Printmedien, propagiert mittlerweile eine Querfront und ist Mitbegründer des rechtsextremen Netzwerks “Ein Prozent” und Kooperationspartner von Götz Kubischek (Institut für Staatspolitik/IfS und Antaios-Verlag). (Bild: Screenshot Youtubestream der Veranstaltung)
Zu der Veranstaltung kamen etwa 300 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet - und darüber hinaus. Teilnehmende kamen unter anderem auch aus Österreich, der Schweiz und Luxemburg.
Der Kartenpreis für die zuvor öffentlich beworbene Veranstaltung belief sich auf 30€. Dafür bot sich der Rahmen zur Vernetzung extrem rechter bis hin zu offen neonazistischer Akteur:innen.
Nicht in dem horrenden Preis mitinbegriffen war die Verpflegung. Selbst für den übriggebliebenden Kuchen, der nach Angaben der Veranstalter:innen “sonst weggeschmissen würde”, wurden noch 50cent pro Stück verlangt.
Obwohl die Veranstalter:innen um Elsässer im Vorfeld davon sprachen, dass um das Anwesen eine " Bannmeilne" bestehe und Gegendemonstrant:innen und Journalist:innen somit auf Abstand gehalten würden, konnte ein antifaschistischer Protest in unmittelbarer Nähe zum Anwesen stattfinden - sehr zum Missfallen der anreisenden Gäste.
Die Vernetzung verschiedener Akteure des rechten und neonazistischen Spektrums zeigte sich nicht nur an den angereisten Gästen, sondern an der Auswahl der eingeladenen Redner:innen.
Bei einem Redner handelte es sich um den eingangs erwähnten André Poggenburg, in dessen neuer Partei " Aufbruch deutscher Patrioten - Mitteldeutschland " (ADPM) sich ebenfalls zahlreiche Neonazis wiederfinden. Nachdem Poggenburg zwei Abmahnungen seitens des AfD-Vorstands bekam und ihm wegen wiederholter verbaler Entgleisungen das Vertrauen entzogen wurde, plante der Bundesvorstand ihn für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Er kam dem zuvor, trat aus der AfD aus und gründete die ADPM.
Neben Björn Höcke war Poggenburg außerdem einer der Autoren des Positionspapiers “Erfurter Resolution” des mittlerweile von Sicherheitsbehörden beobachteten, völkisch-nationalistischen “Flügels&qot; in der AfD. Bis zum Zeitpunkt seines Austritts galt Poggenburg als dessen führender Vertreter.
Ebenfalls aufs Podium geladen war mit dem Neonazi-Aktivisten Martin Sellner ein führender Vertreter der Identitäten Bewegung (IB) und deren Nachfolge- und Scheinorganisationen. Vor seiner Zeit bei der IB gehörte der in Österreich wohnhafte Sellner zum Kreis des “alpen-donau.info” - einem neonazistischen Internetportal um den österreichischen Neonazi-Hardliner Gottfried Küssel. (Bild: Screenshot Youtubestream der Veranstaltung)
Sellner eröffnete seine Rede mit einem Willkommensgruß an Sachsen und sorgte damit für Irritationen - schließlich fand die Veranstaltung in Sachsen-Anhalt statt. Ein Umstand, auf den dieser erst durch das Publikum hingewiesen werden musste.
Als Vertreter des verschwörungsideologischen Spektrums wurde der selbsternannte Verleger Anselm Lenz aus Berlin angekündigt. Dieser erschien allerdings erst, sichtlich angespannt, mit erheblicher Verspätung.
Anstatt das Veranstaltungsgelände ob seiner Verspätung zügig zu betreten, geriet Lenz in weiteren zeitlichen Verzug, indem er anwesende Journalist:innen bedrängte.
Lenz wähnte sich als Opfer einer Verschwörung von Pressevertreter:innen, welche er aus diesem Grund fotografierte, bedrängte und als " genozidale Schweine" beschimpfte.
Lenz, welcher als Vertreter der verschwörungsideologischen Postille “Demokratischer Widerstand” geladen war, wurde im Anschluss die Redezeit drastisch gekürzt. So konnte er nur wenige Minuten sprechen, während andere Redner wie Martin Sellner gleich mehrfach die Bühne betreten durften.
Ein weiterer Gast, der im Gegensatz zu Lenz mehrfach die Aufmerksamkeit der angereisten Teilnehmenden genießen durfte, war der neonazistische Liedermacher Frank Rennicke (links). Der als NPD-Liedermacher bekannte und dem völkischen Spektrum zugehörige Rennicke wurde von den Anwesenden im Festzelt euphorisch begrüßt.
Zu der Reisegruppe von Frank Rennicke gehörte auch der notorische Holocaustleugner und Reichsbürger Christian Bärthel.
Auch der Neonazi-Anwalt, extrem rechte Burschenschaftler und ehemaliger Republikaner Björn Clemens war in Stößen zugegen.
Als Bindeglied zwischen verschwörungsideologischer und neonazistischer Szene trat auch Martin Kohlmann (Bildmitte) ans Mikrophon. Bei dem als Rechtsanwalt tätigen langjährigen Szeneaktivisten handelt es sich um den Vorsitzenden der Kleinstpartei “Freie Sachsen”, deren Mitglieder in der Vergangenheit bereits mehrfach mit Fackeln vor die Privathäuser von Politiker:innen zogen.
Erklärtes Ziel der Partei ist die Herauslösung Sachsens aus der Bundesrepublik Deutschland. Ihnen schwebt stattdessen ein streng hierarchisches System einer Einzelherrschaft, wie eine Monarchie oder ein Führerstaat, vor.
Begleitet wurde Kohlmann vom Neonazi-Aktivisten Michael Brück. Brück gehörte bis zu seinem Umzug nach Sachsen zu den Führungspersonen der Neonazi Partei die Rechte. Für diese saß er als Abgeordneter im Stadtrat von Dortmund. Eine Position, die er 2021 vom verstorbenen Siegfried Borchardt (“SS-Siggi”) übernahm. Brück, der seinen Wegzug aus Dortmund mit der Aussage, dass der Westen “im Endeffekt verloren” begründete, arbeitet inzwischen bei Martin Kohlmann in Chemnitz als Rechtsanwaltsgehilfe.
Kohlmann gehört zu den Personen, die in den vergangenen Monaten den Ausdruck “Wut-Winter” prägten.
Die freien Sachsen gelten als eine der radikalsten und aggressivsten Gruppierungen im verschwörungsideologischen Spektrum. Szene-Beobachter:innen sehen die schwerwiegende Gefahr, dass von dieser Gruppierung schwerste Gewalttaten bis hin zu terroristischen Taten ausgehen könnten. Ziel der öffentlichen Agitation ist die Schaffung einer rechten Volksfront und die Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Hans-Thomas Tillschneider (AfD) nutzte seine Rede, um gegen die CDU zu hetzen und schloss eine Koalition der AfD mit dieser kategorisch aus. Tillschneider propagiert aufgebracht, die AfD brauche Partner für eine zukünftige Regierungskoalition, das können seiner Meinung nach die Freien Sachsen sein, ebenso wie Die Basis oder eine %quot;Lafontaine-Wagenknecht-Partei" oder andere.
Ebenfalls vor Ort war der aus der AfD ausgeschlossene Andreas Kalbitz. Der politische Hardliner Kalbitz war bis zu seinem Ausschluss Landesvorsitzender der AfD Brandenburg.
Kalbitz, der als politischer Hardliner gilt nahm in der Vergangenheit auch an einem Zeltlager der 2009 vom damaligen Bundesinnenminister verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) teil. Die HDJ wurde verboten, weil sie Kinder einer nationalsozialistischen Erziehung in Anlehnung an die Hitlerjugend unterwarf.
Kalbitz, der gegen seinen Ausschluss aus der AfD erfolglos Rechtsmittel einlegte, nutzte die Veranstaltung augenscheinlich für Netzwerkarbeit. So war er mit verschiedenen führenden Vertreter:innen der extremen Rechten ins Gespräch vertieft.
Zur Eröffnungszeremonie der Veranstaltung gehörte ein Aufzug von Mitgliedern der “Patrioten Ostthürigen” mit Schildern, welche Politiker:innen in Sträflingskleidung zeigten.
Zitieren
Recherche Nord: Volksfront von Rechts - Compact Sommerfest in Stößen, Stößen, 27.08.2022.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2022-08-27/