JN-Bundeskongress in Marlishausen
Das kleine Städtchen Marlishausen im thüringischen Ilmkreis bot am vergangenen Samstag, den 09.April 2022 die Bühne für den diesjährigen Bundeskongress der Jungen Nationalisten (JN).
Die Gaststätte schien dabei nicht zufällig gewählt: Bei dem Gebäudekomplex handelt es sich um den Sitz des extrem rechten Vereins “Schlesische Jugend e.V.” Hier fanden bereits in der Vergangenheit einschlägige Treffen statt - wie zum Beispiel im Januar 2017 ein Treffen der Identitären Bewegung (IB) [hier: https://recherche-nord.com/gallery/2017.01.21.html ].
Die eigentliche Anreise der Teilnehmer:innen begann ab etwa 9:00 Uhr. Einige wenige führende JN-Mitglieder waren zu diesem Zeitpunkt bereits vor Ort.
Der wohl wichtigste Tagesordnungspunkt der in Marlishausen durchgeführten Veranstaltung war die Wahl eines neuen Bundesvorstandes. Des Weiteren wurden strategische Absprachen zum Vorgehen der JN debattiert.
Zum offensichtlichen Missfallen der Anreisenden, wurde der JN-Bundeskongress von einem umfangreichen Polizeiaufgebot begleitet. Ab etwa 9:30 Uhr wurden anreisende Fahrzeuge von Polizeikräften kontrolliert und die Personalien der Teilnehmer:innen festgestellt.
Auch Neonazis, welche die Kontrollen umgehen und zu Fuß zum Gebäude gelangen wollten, konnten sich den Maßnahmen nicht vollends entziehen.
Hier eine Reisegruppe von JN-Aktiven aus dem Bereich Berlin-Brandenburg.
Zu den Teilnehmenden gehörte auch der inzwischen in Thüringen wohnhafte Neonazi Sebastian Schmidtke, derzeitig unter anderem Organisationsleiter der NPD im Bundesvorsand.
Für die infrastrukturelle Ausgestaltung der Veranstaltung schien eine Gruppe niedersächsischer JN-Aktivisten verantwortlich zu sein. So brachten sie Fahnen, Banner, Soundanlage und entsprechendes Propagandamaterial mit.
Neben den niedersächsischen JN-Aktivisten waren auch Mitglieder der NPD-Jugendorganisation aus Mecklenburg-Vorpommern vor Ort.
Vor Ort war auch Dominic Rösch (links im Bild), seines Zeichens Stützpunktleiter der JN in Schleswig-Holstein & Hamburg, der auch unter der Bezeichnung “JN Nordland” fungiert.
Auch gehört Rösch zu den Mitgliedern des bisherigen Bundesvorstandes - hier gemeinsam mit einem Führungsaktivisten des niedersächsichen JN-Stützpunktes “Nordheide”.
Mehrere Neonazis, die zuvor kontrolliert worden waren, sammelten sich im Anschluss in einer Seitenstraße hinter dem Gebäudekomplex und bewegten sich geschlossen zum Veranstaltungsort.
Ebenfalls vor Ort war der langjährige Neonazi Alexander Neidlein. Neidlein bekleidete in der Vergangenheit das Amt des stellv. JN-Bundesvorsitzenden und ist aktuell NPD-Generalsekretär. Der ehemalige Söldner und Bankräuber genießt innerhalb der Neonaziszene ein hohes Ansehen.
Neidleins Rolle in der JN scheint sich allerdings nicht nur auf Hintergrundaktivitäten zu beschränken: So saß der 1975 geborene Neonazi-Aktivist am vergangenen Samstag als Teil der Veranstaltungsleitung auf dem Podium des Kongresses.
Der eigentliche Veranstaltungsort befand sich in einem Saal im hinteren Teil der Gaststätte. Der Vorderbereich war zeitweise verschlossen. Vergeblich versuchten einige anreisende Neonazis unter Nennung der Losung “Parole: Heil” und vergeblichem Klopfen ins Innere des Gasthofs zu gelangen. Diese mussten sich jedoch, zumindest zeitweise, mit dem Seiteneingang begnügen.
Im Hintergrund Fabian Rimbach, Vorsitzender der “Schlesischen Jugend” und derzeitiger Betreiber des “Landgasthofs Marlishausen”.
Auffällig an dem nun durchgeführten JN-Bundeskongress war der Umstand, dass Teile des bisherigen JN-Bundesvorstandes durch Abwesenheit glänzten. So waren weder der bisherige Bundesvorsitzende Paul Rzehaczek noch das Bundesvorstandsmitglied Maik Müller sowie die Bundesschatzmeisterin vor Ort.
Während die JN in einer ersten Stellungnahme behauptete, dass Vertreter:innen aus dem gesamten Bundesgebiet vor Ort waren, zeichnete die Realität ein anderes Bild: zwar waren Vertreter:innen verschiedener Gebietsverbände zugegen, aber JNler:innen aus den südlichen Bundesländern blieben der Veranstaltung fern.
Ebenso fehlten die kürzlich im Rahmen der Ermittlungen gegen die Gruppierung “Knockout 51” festgenommen JN Aktivisten aus Thüringen. Letztere bezeichnete die Generalbundesanwaltschaft in ihrer Pressemitteilung im Anflug eines Freud’schen Versprechers zuletzt als “Junge Nationalsozialisten”.
Begleitet wurde das nordrhein-westfälische JN-Mitglied wiederum von niedersächsischen JN-Aktivisten.
Einige der anreisenden Neonazis führten Liederbücher bei sich.
Im Vergleich zu vorangegangenen Bundeskongressen der NPD-Jugendorganisation fiel die Beteiligung mit etwa 50 Personen relativ gering aus.
In den Pausen der Veranstaltung hielten sich die Neonazis im rückwärtig gelegenen Garten auf. Hier frönte die sich als gesundheitsbewusste Kaderorgansiation verstehende JN ausgiebig dem Nikotinkonsum.
Die geringe Anzahl an Teilnehmenden darf nicht über die Bedeutung und Gefährlichkeit der JN hinwegtäuschen. So handelt es sich bei der JN um die größte neonazistische Jugendorganisation in der Bundesrepublik, die ihre Kampangenfähigkeit in der Vergangenheit immer wieder unter Beweis stellte.
Auch treten ihre Mitglieder immer wieder durch schwerste Straf- und Gewalttaten in Erscheinung und gelten als bestens mit anderen Organisationsstrukturen innerhalb der militanten Neonaziszene vernetzt.
Als aktuelles Beispiel sind dabei die bundesweiten Ermittlungen gegen die Neonaziorganisationen “Knockout 51”, “Atomwaffendivision Deutschland” (AWD) und “Combat18” zu nennen. Bei in diesem Zusammenhang durchgeführten Hausdurchsuchungen wurden mehrere Neonazis festgenommen - die ebenfalls bei der JN Aktivitäten entfalteten. Die JN dient dabei vor allem als legalistischer Rahmen, der aufgrund des besonderen Schutzes von Parteien nur schwierig zu verbieten ist.
Zitieren
Recherche Nord: JN-Bundeskongress in Marlishausen, Marlishausen, 09.04.2022.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2022-04-09/