Rechtsrockkonzert "Der Norden Rockt" in Neumünster aufgelöst
Am Samstag, den 4. März 2023 versuchten Neonazis in Neumünster ein Rechtsrockkonzert durchzuführen.
Bei dem Veranstaltungsort handelte es sich um das Vereinsheim der Schrebergartensiedlung “Heinrich Förster Kolonie” - die Räumlichkeiten wurden zuvor unter falschen Angaben angemietet. Den Betreiber*innen wurde mitgeteilt, dass das Gebäude für eine private Verlobungsfeier genutzt werden sollte.
Ein Großteil der Teilnehmenden erreichte in den frühen Abendstunden den Veranstaltungsort. Den genauen Ort erhielten diese zuvor telefonisch über eine sogenannte Schleusungsnummer - über welche die Anreise koordiniert wurde.
Vor dem Eingangsbereich der Kleingartensiedlung patrouillieren zu diesem Zeitpunkt bereits Neonazis der Gruppierung “Arische Bruderschaft” (AB). Die “Arische Bruderschaft” organisiert sich um den stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Torsten Heise. Dieser hatte die Veranstaltung zuvor über seinen Onlineversand “Deutsches Warenhaus” beworben und war bei der Veranstaltung auch selbst zugegen.
Während die “Arische Bruderschaft” für die Absicherung, Koordination und Organisation der Veranstaltung verantwortlich war zeichnete, war das Konzert offiziell eine Veranstaltung der so genannten “Brigade 12 - Pommern”. Bei der “Brigade 12” handelt es sich um Supporter- und Vorfeldorganisation der “Arischen Bruderschaft”. Ähnlich wie die AB nutzt die “Brigade 12” zwei gekreuzte Stabgranaten als Erkennungszeichen. Auch die Zahl 12 im Namen der Gruppierung steht als Chiffre für den ersten und zweiten Buchstaben im Alphabet und damit als Kürzel für die “Arische Bruderschaft” selbst.
Im Innenraum des Vereinsheims fanden sich später entsprechende Insignien und Transparente der Gruppierung. Den Teilnehmenden des Konzerts wurde damit bereits zu Beginn der Veranstaltung klar signalisiert, wer die Strukturen hinter dem Konzert stellte.
Bei Rechtsrockkonzerten geht es nicht alleinig um einschlägige Musik. Hier kommen Vertreter*innen verschiedener Organisationen zusammen, hier werden politische Absprachen getroffen. Und nicht zuletzt dienen Veranstaltungen wie diese der Refinanzierung der Hintergrundstrukturen.
Auf die Bedeutung der Veranstaltung deutet auch die organisatorische Zugehörigkeit etlicher, der dort in Neumünster anwesenden Neonazis hin. So fanden sich dort beispielweise Personenkreise zusammen, die dem Netzwerk von “Blood & Honour” zuzurechnen sind. Das militante Neonazinetzwerk wurde im September 2001 vom damaligen Bundesinnenminister verboten - und agiert seitdem nach Ansicht von Beobachter*innen unter wechselnden Bezeichnungen im Untergrund.
Auch Neonazis, die in der Vergangenheit bei der Neonaziorganisation “Combat 18” aktiv waren, kamen hier zum Stelldichein zusammen. Auch “Combat 18” wurde inzwischen verboten. Ähnlich wie “Blood & Honour” versucht die Gruppe ihre Aktivitäten seit dem Verbot im Januar 2020 unter anderen Gruppenbezeichnungen fortzuführen.
Und auch Vertreter:innen der internationalen Neonazigruppierung “Hammerskins” kamen nach Neumünster. All diese Gruppierungen eint, dass sie ihre Strukturen unter anderem mit der Durchführung von Konzert- und Vernetzungsveranstaltungen, der Produktion und dem Vertrieb von einschlägiger Musik finanzieren.
Das Geschäft mit Rechtsrock ist für die Beteiligten lukrativ und wirft und jährlich hunderttausende von Euros ab. Auch die “Arische Bruderschaft” um Torsten Heise verdient dabei kräftig mit und konnte sich neben “Blood & Honour”, “Combat 18” und den “Hammerskins” als eine der wichtigsten Organisationen in diesem Bereich etablieren - deren Mitglieder formulieren zunehmend einen Führungsanspruch bei der Durchführung von Konzertveranstaltungen.
Die in Neumünster geplante Veranstaltung stand unter dem Motto “Der Norden rockt”. Geplant ware der Auftritt der Rechtsrockgruppen “Endstufe” aus Bremen, “Radikahl” aus Thüringen und der Band “Hart & Smart"aus Süddeutschland. Insbesondere Bands wie “Endstufe” und “Radikahl” können auf Jahrzehnte lange Aktivitäten im internationalen Rechtsrock Geschäft verweisen und können dementsprechend hohe Publikumszahlen generieren.
Die Organisationsstrukturen der konspirativ vorbereiteten Veranstaltung beschränkten die Anzahl der Teilnehmenden, auch mit Blick auf die Größe der Räumlichkeiten, im Vorfeld auf insgesamt 388 zahlende Gäste. Der Ticketpreis lag bei 20,- Euro. Weitere Erlöse sollten mutmaßlich durch den Verkauf von Merchandise und Musikproduktionen erzielt werden. Als Haupteinnahmequelle sollte wohl der Alkoholausschank fungieren. So befanden sich etwa 100 Paletten Dosenbier im Veranstaltungsgebäude, die dort verkauft wurden.
Entgegen den Erwartungen der “Arischen Bruderschaft”/“Brigade 12 - Pommern” konnte das Konzert allerdings nicht wie geplant durchgeführt werden. Die Besucher*innen, die aus allen Teilen der Bundesrepublik angereist waren, sahen sich mit einem Polizeieinsatz konfrontiert, der zum Abbruch des Treffens führte.
Noch während im Vereinsheim ein erster Soundcheck durchgeführt wurde, umstellten Hundertschaften der Polizei kurz nach 20 Uhr den Gebäudekomplex. Neben Polizeibeamten*innen aus ganz Schleswig-Holstein wurden auch Unterstützungskräfte aus Hamburg herangeführt.
Den Konzertbesucher*innen wurde unter Verweis auf die falschen Veranstaltungsanmeldung eine weitere Nutzung der Räumlichkeiten untersagt. Das Areal wurde von der Politzei kurzerhand zum Gefahrengebiet erklärt.
Dies auch, weil anwesende Neonazis die herangerückten Polizeikräfte mit Stühlen und anderen Möbelstücken bewarfen. Videoaufnahmen aus dem Inneren des Gebäudes zeigten, dass ein Teil der Anwesenden versuchte, sich im Gebäude zu verbarrikadieren. Nach Angaben der Polizei zerschlugen dabei einzelne Neonazis einen Teil der Fensterfront des Vereinsheims und bewarfen die Polizei aus dem Inneren des Gebäudes. Auch ein Feuerlöscher flog dabei in Richtung der eingesetzten Polizeikräfte. Die Polizei wiederum setze Tränengas ein.
Die Angriffe der Neonazis änderten am Ausgang nichts. Schließlich verschaffte sich die Polizei Zutritt zu dem inzwischen reichlich demolierten Innenraum und beendete damit die Veranstaltung noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte.
Die angereisten Neonazis wurden daraufhin polizeilich kontrolliert und erhielten zum Teil Platzverweise. Gegen einzelne Neonazis wurde wegen Landfriedensbruch Anzeige erstattet. Bei einem der ersten, der das Gelände sichtlich ungehalten verließ, handelte es sich dann auch um Torsten Heise, über dessen Vertriebsstruktur die Veranstaltung beworben wurde.
Heise selbst hatte die Veranstaltung nicht angemeldet. Als Mieterin der Räumlichkeiten fungierte eine Neonazi-Aktivistin aus Schleswig-Holstein. Auch sie war bei der Veranstaltung anwesend.
Doch nicht nur Thorsten Heise verließ auffällig früh den Ort des Geschehens. Auffällig war, dass etliche Neonazis aus den Strukturen der “Arischen Bruderschaft”, welche den Ordnerdienst gestellt hatten, bereits kurz nach Beginn des Polizeieinsatzes das Gelände verließen und die angereisten Neonazis sich selbst überließen.
In Folge des Polizeieinsatzes wurden die zum Teil sichtlich angetrunkenen Neonazis in Kleingruppen zur nahegelegenen Zufahrtsstraße geleitet. Da diese zum überwiegenden Teil ihre Mobiltelefone entweder vor Beginn der Veranstaltung in ihren Fahrzeugen ließen oder ihnen diese, wie Veranstaltungsteilnehmende berichteten, am Eingang abgenommen wurden, fiel es etlichen sichtlich schwer sich wieder in ihren Reisegruppen zusammen zu finden.
So warteten Einzelne bis tief in die Nacht bis die ursprünglichen Reisegruppen wieder beisammen waren. Dass Mobiltelefone auf Konzerten nicht zugelassen werden, ist bei solchen Veranstaltungen durchaus üblich. Die Szene will damit verhindern, dass Videomitschnitte und somit Beweise aufgezeichnet werden. Das Verbot von Mobiltelefonen ist bei Rechtsrockkonzerten inzwischen eine gängige Praxis.
Die Räumung dauerte bis etwa 2 Uhr morgens an. Neonazis mussten zum Teil mit Polizeihunden vom Gelände ferngehalten werden. Zuvor wurde ein Pressevertreter mit Faustschlägen von Neonazis attackiert.
Kurz nach Ende des Polizeieinsatzes wurde Pressevertreter*innen der Zugang zum Vereinsheim gewährt. Diesen bot sich ein Bild der Verwüstung. Ob die Anmelderin der “Verlobungsfeier” auf den entstandenen Kosten sitzenbleibt oder ob die “Arische Bruderschaft” finanzielle Unterstützung anbietet blieb unklar. Das Geld, welches durch den Kartenvorverkauf eingenommen wurde, dürfte gerade Ausreichen, die gröbsten Schäden zu beheben.
Zitieren
Recherche Nord: Rechtsrockkonzert "Der Norden Rockt" in Neumünster aufgelöst, Neumünster, 04.03.2023.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2023-03-04/