Normalzustand im Rechtsrockland: Neonazikonzert in Eisenach
Erneut fand im thüringischen Eisenach ein Wochenende voller Rechtsrock statt.
Erneut fand im thüringischen Eisenach ein Wochenende voller Rechtsrock statt. Am Freitag sowie am Samstag versammelten sich zu diesem Zweck Neonazis aus mehreren Bundesländern im sogenannten “Flieder Volkshaus” - welches gleichzeitig als Landeszentrale der NPD-Thüringen fungiert - die sich inzwischen in “Die Heimat” umbenannt hat.
Im Gegensatz zu den rund 100 Neonazis erschien die Polizei am vergangenen Samstag recht spät am Ort des Geschehens - und dies obwohl das “Flieder Volkshaus” von den Behörden im vergangenen Jahr zum Gefahrengebiet erklärt wurde. Kurzum: die Polizei hatte den Zeitpunkt des Einlaß zum Konzert falsch notiert und war von einem Beginn rund eine Stunde später ausgegangen. Getreu dem Motto “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” verpasste die Polizei damit einen Großteil der Anreise - und registrierte damit jede Menge Straftaten nicht…
… wobei auch die Anwesenheit der Polizeikräfte keine Straftaten unterband, wie der Verlauf des Abends deutlich zeigen sollte.
Sowohl am Samstag wie auch am Freitag fand hier der neonazistischen Liedermachers Marco Bartsch, von der Band “Sleipnir” eine Bühne (nicht im Bild). Die Texte von “Sleipnir” beinhalten eine Mischung von rassistischen Elementen in Verbindung mit sozialen Problemlagen, nordischer Mythologie und einem Bezug zum Nationalsozialismus. Etliche der Teilnehmenden erschienen im Bandshirt der neonazistischen Musikgruppe.
Organisiert wurde die als Liederabend deklarierte Konzertveranstaltung vom Neonazi Patrick Weber, dem Betreiber des Germania-Versands. Weber (nicht im Bild), ebenfalls Schatzmeister der NPD-Thüringen, und weitere Neonazis aus Thüringen nutzen zuletzt verstärkt das “Flieder Volkshaus” als Veranstaltungsort für Rechtsrockkonzerte und der damit verbundenen Propagierung menschenverachtender Ideologie - bislang von den Polizeibehörden weitestgehend toleriert.
Zu Beginn der Veranstaltung war die Polizei mit insgesamt sechs Einsatzkräften vor Ort vertreten, welche die Personenkontrollen durchführten sollten. Angesichts der großen Anzahl an Teilnehmenden und zwei unterschiedlicher Kontrollpunkte gelang es einigen Neonazis, mit den Worten, man sei bereits überprüft worden, die Kontrollen zu umgehen.
Der NPD (bzw. Die Heimat)-Landesvorsitzende Patrick Wieschke vor dem eigentlichen Veranstaltungsbeginn im rückwertigen Bereich des “Flieder Volkshauses”. Anreisende Teilnehmende nutzen, wie bereits in der Vergangenheit, den streng gesicherten Hintereingang um in das Gebäude zu gelangen.
Das es sich beim “Flieder Volkshaus” in Eisenach um einen “sicheren” Veranstaltungsort für Rechtsrockkonzerte handelt, hat sich in der Neonaziszene schon seit langen herumgesprochen. Während Landauf- Landab Rechtrockkonzerte von den Sicherheitsbehörden regelhaft aufgelöst werden, konnte sich das “Flieder Volkshaus” unter den Augen der Polizei zu einem wahren “Hotspot” mit bundesweiter Bedeutung entwickeln.
Inwieweit ein Problembewusstsein gegenüber solchen Veranstaltungen innerhalb der thüringischen Landesbehörden vorhanden ist, zeigt auch das Verhalten einiger Beamten vor Ort. Zwar wurde das Presserecht gewahrt, die Dokumentation der Veranstaltung damit ermöglicht, dennoch wünschte der eine oder andere Beamten teilnehmden Neonazis vor dem Betreten des Rechtsrockkonzertes noch “einen schönen Abend”…
… was augenscheinlich ganz auf Gegenseitigkeit beruhte.
Die Bedeutung und der Erfolg neonazistischer Konzertveranstaltungen in Eisenach läßt sich auch an dem Zuspruch der Neonaziszene ablesen. So war ursprünglich lediglich am Samstag ein Konzert geplant. Aufgrund des enormen Andrangs auf die Konzertkarten entschieden sich die Verantalter dann ein weiteres Konzert am Freitag durchzuführen.
Gewaltphantasien der anreisenden Teilnehmenden waren an diesem Abend keine Seltenheit. Mehrfach wurden anwesende Journalistinnen bedroht und beleidigt. Auch Anwohner beschimpften die Journalistinnen als Terroristen die ihre “gerechte Strafe” noch bekommen werden.
Während der eigentliche Eingang im Frontbereich des “Flieder Volkshauses” eigentlich geschlossen werden sollte, setzen sich die Neonazis weitestgehd darüber hinweg. Immer wieder begaben sich Teilnehmende über den Haupteingang auf die Straße oder betraten gleich hier das Gebäude. Eine Polizeikontrolle des Personenverkehrs war hier nicht gewährleistet - dazu waren zu wenig Beamte vor Ort.
Neonazis die anwesende Journalist*innen massiv mit Gewalt bedrohten und versuchten diese einzuschüchtern um sie letztlich von der Arbeit abzuhalten, konnten ohne Ansprache der Polizei ungestört agieren und wüste Morddrohungen ausstoßen.
Was die Neonazis unter den Augen der Polizei ebenfalls konnten, war das massenhafte Verwenden strafbarer Erkennungszeichen. Verstöße gegen den §86a füllten an diesem Abend ein ganzes Notizbuch - nur nicht jenes der polizeilichen Einsatzleitung. Einzelne Neonazis klebten sich entsprechende Symbole zwar noch während der Anreise ab. Nachdem diese dann das Gebäude betraten, wurden die verbotenen Symbole und Erkennungszeichen dann wieder sichtbar gemacht. Auch anschließend wieder auf der Straße und auch dies ohne Konsequenzen.
Neonazis, die mit verbotenen Erkennungszeichen, wie hier mit dem Logo der nationalsozialistischen “Schutzstaffel” (SS) in den Räumlichkeiten wie auch auf der offenen Straße posierten, hatten an diesem Abend augenscheinlich nichts zu befürchten.
Wobei ein Abkleben der verbotenen Symbolik am vergangenen Wochende auch nicht wirklich nötig gewesen wäre. So verzichteten die eingesetzten Polizeikräfte auf eine nähere Überprüfung der Neonazis. Die Veranstaltenden werden es der Polizei gedankt haben - zahlreiche Neonazis konnten so verbotene Symbolik offen zur Schau stellen und den neonazistischen Charakter der Veranstaltung und die damit verbundene Menschenverachtung umso ausgelassener ausleben.
Auch das Werben für rassistische Ideologie stellte am vergangenen Wochenende in Eisenach kein Problem dar - viel eher stand das vergangene Wochenende für den Normalzustand im Rechtsrockland Thüringen. Auch das Kürzel NS. welches auf die weltanschaulichen Wurzeln verweist - eben jene des Nationalsozialismus - und sich ebenfalls auf dem Shirt befand, erzeugte bei den eingesetzten Polizeibeamten kein Stirnrunzeln.
Und auch jener Konzertbesucher präsentierte mit der Odalrune am Handgelenk verbotene Zeichen in der Öffentlichkeit.
Angesichts der zahlreichen Bezüge zum Nationalsozialismus fiel das Werben für nationalsozialistische Kriegsverbrecher, die für zahlreiche Greultaten an der Zivilbevölkerung im 2. Weltkrieg verantwortlich waren, auch nicht weiter ins Gewicht.
Die Organisatoren der Veranstaltung hatten eigens einen Ordnerdienst beauftragt Einlasskontrollen vorzunehmen.
Teilnehmende Neonazis mussten, die zuvor bestellten Eintrittskarten vorzeigen und konnten erst anschließend das “Flieder Volkshaus” betreten.
Die Tätowierung im Handbereich (Nummer 51) verweist auf die Neonazi-Gruppierung “Knockout 51” aus Eisenach. Im Mai 2023 klagte der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof mutmaßliche Mitglieder von Knockout 51 u. a. wegen hinreichendem Tatverdacht der Mitgliedschaft in einer und Gründung einer kriminellen und terroristischen Vereinigung an. Das Werben für die Gruppierung war zumindest im “Flieder Volkshaus” am vergangenen Wochenende kein Problem - nutze die Gruppierung doch auch in der Vergangenheit die Räumlichkeiten für Treffen.
Der Veranstalter Patrick Weber (rechts im Bild) beim Begrüßen des neonazistischen Liedermachers “Sleipnir” hatte gut Lachen - die Polizei räumte zuvor den Eingangsbereich um den Neonazis zu ermöglichen mit ihrem Fahrzeug auf das Gelände zu gelangen. Auf eine Durchsuchung des Fahrzeuges wurde, wie zuvor schon bei allen Teilnehmenden, verzichtet.
Ein Mitglied von “Sleipnir” posierte nach seiner Ankunft mit Pferdekopf. Der Kopf verweist auf die Bedeutung des Namens “Sleipnir” - dabei handelt es sich um ein achtbeiniges Pferd aus der nordisch-germanischen Mythologie.
Die Normalisierungsstrategie der Neonaziszene in Eisenach scheint nicht nur angesicht der Vorgänge vom vergangenen Wochenende langsam aufzugehen. Das nächste Konzert im “Flieder Volkshaus” ist dann für Anfang Juli angekündigt.
Zitieren
Recherche Nord: Normalzustand im Rechtsrockland: Neonazikonzert in Eisenach, Eisenach, 24.06.2023.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2023-06-24/