Nazirock auf dem Eichsfeldtag
Der behördliche Verweis, dass fehlende Englischkenntnisse indizierte neonazistische Propaganda ermöglicht hätten, kann bei näherer Betrachtung jedoch als irreführend bezeichnet werden, wie nicht …
Der behördliche Verweis, dass fehlende Englischkenntnisse indizierte neonazistische Propaganda ermöglicht hätten, kann bei näherer Betrachtung jedoch als irreführend bezeichnet werden, wie nicht zuletzt der Auftritt der Rechts- und Nazirockband “Lunikoff-Verschwörung” um ihren Sänger Michael Regener aufzeigt.
Der Berliner Neonazi Michael Regener, hier im Gespräch mit Thorsten Heise, dem thüringischen NPD-Landesvorsitzenden und massgeblichen Kopf hinter dem “Eichsfeldtag”, ist innerhalb der organisierten Neonaziszene vor allem unter seinem Pseudonym “Lunikoff” bekannt.
Die 2003 gegründete Berliner Gruppe “Lunikoff-Verschwörung” zählt seit ihrem Bestehen zu den Kultbands der neonazistischen Szene. Ihrem Ruf als politische Hardliner wurde die Band auch zuletzt während des “Eichfeldtages” gerecht: zum Repertoire der Neonazimusiker um Michael Regener gehörte am ersten Maiwochende 2017, sehr zur Freude der angereisten Festivalbesucher*innen, auch der sogenannte “Klan-Song”…
Der sogenannte “Klan-Song” gehört dabei zu den bekanntesten Veröffentlichungen der Musikgruppe “Landser”. In dem Stück wird für den Klu-Klux-Klan und seine rassistische Ideologie geworben. Ein Umstand der von den Behörden auch ohne Kentniss der englischen Sprache erkannt werden konnte.. so ist der Text des indiziertens Musikstückes auf Deutsch… und unterliegt wie das dazugehörige Album “Republik der Strolche” in Deutschland (wohl mit Ausnahme vom Freistaat Thüringen) dem absolutem Verbreitungsverbot.
Denoch, die eingesetzten Polizeikräfte, die sich in Sicht- und Hörweite der Konzertveranstaltung aufhielten, schritten nicht ein… Die “Lunikoff-Verschwörung” konnten ungestört ihre Propaganda unter die versammelte Anhängerschaft bringen.
Dabei dürfte Michael Regener auch für die thüringischen Behörden kein Unbekannter gewesen sein. Als Frontmann der 2003 aufgelösten Nazirock-Band “Landser” war Michael Regener Sänger der bundesweit wohl erfolgreichsten und bekanntesten Musikgruppe aus dem neonazistischen Milieu. Sie wurden im Jahr 2003 vom Berliner Kammergericht als erste Musikgruppe überhaupt zur kriminellen Vereinigung erklärt, deren Mitglieder zu Geld- und Haftstrafen verurteilt.
Michael Regener war Texter, Sänger und Kopf der Band und damit Rädelsführer und Hauptschuldiger während des Verfahrens vor dem Berliner Kammergericht. Er habe nach Ansicht des Gerichts aus tiefster nationalsozialistischer Überzeugung gehandelt und besonders Jugendliche für neonazistisches Gedankengut begeistern wollen. Aufgrund der Verurteilung muss Michael Regener jedes Konzert mit Datum und genauem Veranstaltungsort der Polizei bekanntgeben und den Behörden jederzeit den Zugang zur Veranstaltung gewähren… Nur mit dem Hinhören nahmen es die Behörden in der Vergangenheit, wie der Auftritt während des “Eichfeldtags” aufzeigt, wohl nicht allzu genau…
“Landser” wurde den international agierenden Strukturen von “Blood&Honour” (“Blut und Ehre”) zugerechnet. Ein Netzwerk das es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, neonazistische Musikgruppen zu koordinieren und mittels Musik neonazistische Ideologie gezielt zu verbreiten. Ihre Mitglieder gelten dabei als extrem gewaltbereit, ihre Strukturen als klandestin. Mit “Combat 18” verfügt das Netzwerk über einen “bewaffneten Arm”… Während “Blood&Honour” und die B&H-Jugendorganisation “White Youth” im September 2000 in der Bundesrepublik verboten wurde, war “Combat 18” nicht von dem Verbot betroffen.
Bereits kurz nach dem Verbot gaben Aktivisten der Organisation die Parole “Trotz Verbot nicht Tod” heraus und organisierten sich im Untergrund neu. Hinzu kommt der Umstand das “Blood&Honour” in etlichen europäischen Ländern aktiv war und ist. Deutsche Neonazis beteiligten sich in der Vergangenheit an deren Veranstaltungen. Zuletzt war bekannt geworden das deutsche Neonazis ihre europäischen Kontakte in dieses Netzwerk nutzten um an Schießübungen teilzunehmen.
Ähnlich wie seinerzeit “Landser” kann auch die aktuelle Band von Michael Regener (“Lunikoff-Verschwörung”) dem internationalem Netzwerk von “Blood&Honour” zugerechnet werden. So tritt die Musikgruppe inzwischen regelmäßig bei Veranstaltungen des B&H-Netzwerkes im europäischen Umland in Erscheinung.
Auf Konzerten im europäischen Umland tritt die deutsche Sektion von “Blood&Honour” trotz Verbot mitunter offen in Erscheinung.
In der Bundesrepublik verwenden Neonazis stattdessen oftmals Kürzel wie die 28 (zweiter und achter Buchstabe im Alphabet) um ihre Zugehörigkeit oder Symphatie mit dem Neonazi-Netzwerk von “Blood&Honour” auszudrücken.
Auch die Strukturen von “Combat 18” bot sich als Ausweichplattform etlicher Mitglieder und Aktivisten von “Blood & Honour” an. Gleichzeitig ist “Combat 18” allerdings, insbesondere in finanziellen Angelegenheiten, um Eigenständigkeit bemüht. Dies führte dazu das etliche “B&H”-Aktivisten im Untergrund am Erhalt ihrer alten Strukturen arbeiteten.
Die Verbindungen der Band “Lunikoff-Verschwörung” um ihren Sänger Michael Regener in die Netzwerke von “Blood&Honour” (sowie der anderen in Leinefelde aufgetretenden Bands) scheint die Behörden während des “Eichsfeldtages” jedoch nicht sonderlich interessiert zu haben.
Doch auch ohne das offiziell zur Schau gestellte Label von “Blood&Honour” zeigt sich die “Lunikoff-Verschwörung” als politische Überzeugungstäter. Ihre Veröffentlichungen landeten in der Vergangenheit reihenweise auf dem Index für jugendgefährdende Schriften.. wie auch dieses Album für das ein junger Neonazi auf einer Neonazi-Demonstration in Northeim (01.04.2017) offen Werbung machen konnte.
Der Verweis auf mangelnde Englischkenntnisse zur Beurteilung von Rechtsrockbands und ihrer Inhalte wirkt angesichts der Hintergründe der Musikgruppen, die während des “Eichfeldtages” die Bühne betraten, (pardon) wie ein schlechter Witz. Auftritte der “Lunikoff-Verschwörung”, begleitet von zahlreichen Hitlergrüßen, wie im September 2013 im ukrianischen Kharkov während eines “Blood&Honour” Konzerts sind immer neonazistische Propagandaveranstaltungen, welche immer der Verbreitung eines bestimmten Gedankengutes dienen.
Und das sich Michael Regener und die “Lunikoff-Verschwörung” selbst als Teil von “Blood&Honour” identifizieren ist ebenfalls kein Geheimnis. So präsentierte sich Michael Regener während der Veranstaltung in Kharkov gut sichtbar mit einem T-Shirt auf dem das an das von “Blood&Honour” erinnernde Erkennungszeichen und Logo prangte. Aber vermutlich aufgrund mangelnder Englischkenntnisse und schlechter Sicht dürfte auch dies bislang an den Behörden vorbei gegangen sein.
Die “mangelnden Englischkenntnisse” waren allerdings nicht die einzigen Widrigkeiten mit denen die Behörden während des “Eichsfeldtag” zu kämpfen hatten. Auch das Sichtfeld schien latent davon betroffen gewesen zu sein. So konnten etliche Teilnehmer*innen unter den Augen der Polizei offen ihre Sympathie für rechtsterroristische Organisationen wie beispielsweise “Combat 18” zur Schau stellen. Auch konnten T-Shirts des neonazistischen Musikprojekts “Erschiessungskommando” offen getragen werden. Jener Band, die im vergangenen Jahr zum Mord an einer thüringischen Landtagsabgeordneten und ihrer Familie aufrief.
Zitieren
Recherche Nord: Nazirock auf dem Eichsfeldtag, Leinefelde, 20.05.2017.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2017-05-20/